Pressestimmen zu „Spielt keine Rolle“

Posted on Feb 9, 2005

von www.hinter-den-schlagzeilen.info, Roland Rottenfußer
 
„ Der Schimmel, der das Brot bedeckt, der denkt,
das Brot sei ihm von einem Gott geschenkt.
“ Die Erde sei, so denkt der Mensch ja auch,
zu seinem ganz persönlichen Gebrauch.“

Diese Weisheit stammt von Heinz Ratz, der sich in Gedichtbänden wie „Apokalyptische Lieder“ als begabter, überwiegend dem Düsteren, Morbiden, „Gotischen“ zugewandter Lyriker präsentiert hat. „Tier aus der Gosse, die Augen gerichtet auf das Unheilvolle“ charakterisiert er sein Krafttier, die Ratte („Ratz“) und somit wohl auch sich selbst. Zusammen mit dem Gitarristen Peer Jensen nennt sich Heinz Ratz „Strom & Wasser“. Die neue CD der Formation lässt neben ernst gemeinter Anklage und skurrilen Schockeffekten auch einen wahrhaft grimmigen Humor durchblicken. Man ist als älteres Semester und 70ger-Jahre-Nostalgiker ja immer geneigt, der großen Zeit der kritischen Liedermacher nachzutrauern. Wecker, Wader, Degenhart – waren andere Zeiten damals, wir hatten alle noch Ideale! Wer meint, „die Jungen“ könnten so etwas nicht mehr, der sollte sich einmal mit Heinz Ratz befassen. Kann man den 37-jährigen überhaupt als Liedermacher bezeichnen? Nicht, wenn man dabei an Nettigkeiten à la „Ich bin Klemptner von Beruf“ oder „Komm Uschi, mach kein Quatsch“ denkt. Wenn man mit Liedermachern allerdings einen gewissen gesinnungsethischen und ästhetischen Radikalismus verbindet („Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil es Euch gefällt“ – Wecker), dann ist Ratz ein neuer Prototyp des Genres. Der Mann trägt seinen punkigen Nachnamen mit Stolz trägt, schont weder das Nervenkostüm seiner Zuhörer noch die Hörgewohnheiten derer, die sich gern vom folgenlosen Konsum „rebellischer Texte“ einlullen lassen. Ikarus, eine Lieblingsfigur vieler Künstler wie Reinhard Mey, mutiert bei Heinz Ratz zum brandschatzenden Prometheus, der die Götterburg in Flammen setzt. „Tausend Jahre schon steht der Götterthron, lebt in Saus und Braus, presst die Armen aus. Lebt in Blutgewalt, mitleidlos und kalt. Nun kommt Ikarus, der der brennen muss.“ „Spielt keine Rolle“ ist eine liebenswert-schnoddrige Verliererballade in der Tradition eines Manfred Maurenbrecher. „Herzexplosion“ skizziert in knappen Worten das Lebensgefühl des „wütend“ liebende Rebellen zwischen überbordender Leidenschaft und schmerzbedingtem Erkalten im „Brustgemäuer“. Die Lieder stellen – trotz gelegentlicher kultureller Anspielungen – eher die Lebenswelt sozialer Brennpunkte (die „Gosse“) dar, vergleichbar dem authentischen Hip Hop. Schicksale von Getretenen und Verlierern, die hochkochende Wut und die Lebensgier der „Systemverlierer“, eine Nachbarschaft voller Neonazis und Spießer, die in ihren Wohnblöcken ihre Töchter vergewaltigen. Nicht alles gelingt dem künstlerischen Tausendsassa. Die Ballade von den reihenweise wegsterbenden „Zehn kleinen Nazilein“ ist nicht gerade ein Musterbeispiel christlicher Feindesliebe. Das krude Lied „Müllficken, Arschkacken“ scheint allzu sehr aus der juvenilen Lust geboren, sich an der Entrüstung im Gesicht prüder Bürger zu weiden. Letztere dürften die CD ohnehin nicht einmal mit der Pinzette anfassen. Die meisten derben Stellen der Texte stellen aber ernst zu nehmende Versuche dar, eine schonungslose und oft tatsächlich schockierend grausame Realität darzustellen wie sie ist. Der galante Herr Anton „will auch gern mit Kindern ficken“ und „Greisinnen mit Lederstricken den welken Leib zermatschen.“ „Komm zu Papa“ beschreibt den Kindesmissbrauch lakonisch und hart, aber mitfühlend mit dem Opfer. „Papa hat sie zerstört, Mama hat weggehört“. Und die Musik? Nun, wer „Strom und Wasser“ kauft, darf nicht erwarten, dass es wie Weihnachten mit Sarah Connor klingt. Der Sound ist rau, karg, ungehobelt, trocken und lässt auf diese Weise viel Raum für das Textverständnis. Der Bass von Heinz Ratz und die Gitarre von Peer Jensen bilden das Rückgrat des Klangkörpers. Banjo, Cello und Akkordeon setzen gelegentliche Akzente. Die klangliche und stilistische Bandbreite der Lieder ist in Anbetracht der nicht gerade üppigen Instrumentierung beachtenswert. Man fühlt sich an Punk, Ska, Skiffle und den musikalischen Minimalismus der Neuen Deutschen Welle erinnert. Bei „Spielt keine Rolle“ schlagen die Herzen im Dreivierteltakt, in „Komm zu Opa“ deutet Heinz Ratz mit Bee-Gees-Falsettstimme den „Hummelflug“ von Rimsky-Korsakow an, und in „Dicker Kuchen“ meint man – 70ger Jahre-Nostalgiker aufgepasst! – gar Simon & Garfunkel säuseln zu hören. Heinz Ratz’ erstaunlich wandlungsfähige Stimme erinnert teilweise an die endpralle Raubeinigkeit eines Tom Waits, teilweise an die distinguiert-überdeutliche Diktion Max Raabes und manchmal sogar an die verspielt-androgyne Stimmakrobatik eines Ringsgwandl. Dies sind nur einige Assoziationen, die deutlich machen sollen, dass sich die CD jeglicher klaren Zuordnung vehement widersetzt. Hörspielelemente und Gespräche zwischen den Musikern (die sozusagen den Prozess der CD-Produktion dokumentieren) hinterlassen einen kalkuliert „unfertigen“ Eindruck und torpedieren so gekonnt den Mythos von der CD als einem durchgestylten, ästhetisch perfekten Gesamtkunstwerk. Leben, scheinen die Künstler sagen zu wollen, ist niemals so glatt. Es ist rau, sperrig und tut oft weh. Und doch gibt es dieses Aufflammen der Revolte und dieses Brennen vor Liebe – „gegen die Starre. Sprungbereit“.